Di 14. Mai 2024 (Bildungs- und Gästehaus)

© Foto: Stefan Müller, https://climatejustice.social/@stefanmuelller

HW: Erhard, was hat das Internet mit dem Klima zu tun?
EMK: Das Internet ist ein großer Energieverbraucher und damit auch CO2-Emittent. Dabei spielt der Stromverbrauch der Endgeräte im laufenden Betrieb und die sog. „graue Energie“ für die Herstellung von unseren Smartphones und PCs nicht einmal die größte Rolle. Man vergisst leicht, dass hinter dieser leicht-luftig daherkommenden virtuellen Welt eine gigantische Infrastruktur an Rechenzentren, Datenleitungen, Batterien, Notstromaggregaten und Kraftwerken steht. Die Cloud besteht letztlich nicht aus „Luft“ oder Daten, sondern aus CO2. Das Internet ist nicht nur aufgrund mancher fragwürdiger Inhalte schmutzig, sondern vermüllt ganz konkret materiell unseren Planeten und unsere Atmosphäre.

HW: Wie wird das gemessen?
EMK: Das ist gar nicht so einfach zu ermitteln, weil die Umweltbelastungen verteilt über den gesamten Prozess stattfinden. In letzter Zeit gibt es verstärkt Forschungsvorhaben, die versuchen, möglichst konkrete und zuverlässige Zahlen zu ermitteln. Man kann dann am Ende z.B. die CO2-Emissionen auf das Datenvolumen der Internet-Aktivitäten von Personen und Institutionen herunterbrechen, so wie man das bei einem CO2-Fußabdruck ja auch macht. Dann bedeutet es, dass jede über das Internet übertragene Datei, jedes Bild, jede Internetseite, jedes Video für eine bestimmte Menge CO2 verantwortlich sind. Bei der Startseite Eurer Website sind das pro Aufruf z.B. 0.17g CO2. Damit seid Ihr 84% besser, als der Durchschnitt. Das sind natürlich nur Schätzungen. Man geht aber davon aus, dass in der Summe die CO2-Belastung durch das Internet mit der des Flugverkehrs vergleichbar ist und dank Videostreaming und KI in Zukunft noch stark zunehmen wird.

HW: Wie hast Du erreicht, dass unsere neue Website für weniger CO2 verantwortlich ist?
Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Wir haben bei jedem Gestaltungsschritt das Thema mitbedacht. Alle Bilder werden z.B. stark komprimiert und wir setzen das schlanke webp-Format ein. Wir designen das Weblayout selbst und schreiben den Code „von Hand“. Das eingesetzte Redaktionssystem MODX unterstützt das optimal. Und am Ende haben wir noch mal ganz bewusst manche „Problemstellen“ optimiert. Das Video auf der Startseite verdoppelt z.B. eigentlich das Datenvolumen. Aber viele Menschen schauen es sich gar nicht an bzw. scrollen gar nicht so weit runter. Deshalb haben wir ein kleines Programm geschrieben, das das Video erst lädt und abspielt, wenn es ins Sichtfeld kommt.

HW: Warum machen andere das nicht?
Es gibt dafür bisher kaum ein Bewusstsein. Durch DSL und 5G wird das Internet immer schneller (und billiger) und mit diesen neuen Möglichkeiten werden die Websites immer „schwerer“ – also man integriert z.B. mehr Bilder und Videos in die Seiten oder achtet einfach weniger auf eine schlanke Programmierung. Das ist der sogenannte „Rebound-Effekt“: Eine Steigerung an Effzienz führt letztlich nicht zu Einsparungen, sondern die Nutzung wird intensiviert. Das ist das gleiche Thema, wie bei den Autos: die sparsameren Motoren führen nicht zu einer Senkung des Verbrauchs, sondern zu schwereren Autos. Die meisten Internetseiten sind heute „SUVs“.
Hinzu kommt, dass immer mehr Websites mit Wordpress oder anderen Baukasten-Systemen und Standard-Themes „zusammengeklickt“ werden. Ohne das nötige Fachwissen und eine schlanke Basis wird man es kaum schaffen, eine klimabewusste Website zu erstellen.

HW: Was kann jede:r Einzelne tun, um das Internet klimafreundlicher zu nutzen?
Als User:in habe ich nur begrenzten Einfluss, wenn ich im Internet surfe und eine Website aufrufe. Wie viel CO2 damit emittiert wird, liegt in erster Linie in der Verantwortung des Website-Betreibers. Als Einzelperson kann ich das aber auch über mein Konsumverhalten beeinflussen: z.B. Musik nicht streamen, sondern herunterladen und lokal speichern und Videos nicht in der höchsten Auflösung streamen. Anwendungen wie z.B. Microsoft 365 oder GoogleDocs in der Cloud zu nutzen, bedeutet eine wesentlich höhere CO2-Belastung als lokal installierte Software. Auch Ad-Blocker schützen nicht nur die Privatsphäre, sondern sparen CO2, weil die Werbung gar nicht erst übertragen wird.

HW: Welche Strukturen und Rahmenbedingungen müssen darüber hinaus verändert werden und wie können wir uns dafür einsetzen?
Momentan wird die Digitalisierung als Allheilmittel gesehen. Insbesondere KI gilt als neues Heilsversprechen. Der Energieverbrauch des Internets wird dadurch immer weiter steigen. Es wird so getan, als sei das „Fortschritt“, der irgendwie von alleine kommt und nicht aufzuhalten ist. Dahinter stehen aber immer konkrete Entscheidungen und Interessen. Es wäre wichtig, dass wir als Gesellschaft und als Einzelne viel stärker darüber nachdenken und diskutieren, welche Art von Fortschritt wir haben wollen und uns gut tut. Digitalisierung ist die komplexeste und energie- und ressourcenverbrauchendste Art, eine Aufgabe zu erledigen.
Durch meine Arbeit für das Lowtech-Magazine weiß ich, dass es viele intelligente, energiesparende alternative Konzepte gibt, grundlegende menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Die Lösungen sind vorhanden, aber um sie wirksam heute umsetzen zu können, müssten wir uns vom „Glauben“ an das Wirtschaftswachstum lossagen.

HW: Was genau meint „Lowtech“? Ist das ein „zurück ins Mittelalter“? Gibt es z. B. ein „Lowtech-Internet“?
Lowtech ist nicht rückwärtsgewandt, sondern ganz im Gegenteil. Es ist der Versuch, eine Aufgabe mit wenig Ressourcen- und Energieeinsatz intelligent zu zu lösen. Lowtech-Konzepte entstehen daher vor allem dort, wo Ressourcen und Energie knapp sind. Wir können viel von unseren Vorfahren lernen und auch von Menschen, die in Entwicklungsländern leben.
Die Lowtech-Magazine-Website läuft z.B. auf einem solarbetriebenen Webserver und kommt mit einer kleinen Solarpanele und Akku aus, weil sich die Betreiber von 100% Verfügbarkeit verabschiedet haben. Wenn die Sonne ein paar Tage hintereinander nicht scheint, ist die Website nicht erreichbar. Das ist an ca. 20 Tagen im Jahr der Fall. Der Verzicht auf 100% Verfügbarkeit hat so zu einer erheblichen Einsparung an Ressourcen geführt.

HW: Was man tun kann, wenn man für seine Homepage das Siegel haben will?
EMK: Der erste Schritt wäre, Cleaner-web aufzurufen und “Teste Deine Website” zu klicken. Die dort beschriebenen Mängel kann man entweder selbst abstellen, oder die eigene Agentur (oder uns) damit beauftragen. Falls ein Relaunch ansteht, sollte man die “Klimaoptimierung der Website” als Anforderung formulieren. Einen ersten kostenlosen Überblick über den Zustand seiner Website kann man sich mit Websitecarbon verschaffen.

HW: Lieber Erhard, wir danken dir für die Informationen und dein Engagement, wir sind stolz, jetzt mit unseret klimabewussten Homepage einen weiteren Schritt zur Umsetzung von Nachhaltigkeit in Haus Wasserburg gegangen zu sein.

Nachtrag: Folgende Initiative setzt sich für eine zukunftsfähige und nachhaltige Digitalisierung ein: Bits & Bäume