Siebenquell – Zentrum für Narrative Theologie


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„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen.“
Jorge Bucay

Geschichten Gottes und des Glaubens wollen verhindern, dass wir die Fülle des Lebens verschlafen. Darum ruft Paulus, “Löscht den Geist nicht aus!”. Diese Geschichten öffnen uns die Realität auf eine Art und Weise, die uns ermöglicht, die vielen Schichten und Dimensionen des Lebens zu sehen, die wir sonst als selbstverständlich hinnehmen. Der Erzähler streift mitten durch das brodelnde Leben hindurch, um ein langes, liebevolles Anschauen der Wirklichkeit zu ermöglichen. Die Geschichten wecken uns zu einem Leben über unsere müden, trägen Selbstverständlichkeiten hinaus. Sie öffnen uns für Tiefen der Wirklichkeit, für die Fülle, für Gottes Konturen des Lebens, für Gottes Möglichkeiten des Alltags. In den Erzählungen kann Gott durch den Stoff des Alltäglichen zu uns sprechen.

Erwachsene brauchen Geschichten zum Wachwerden, weil sie sonst Gefahr laufen, im “Alltagstrott ohne Erlösen” (Huub Oosterhuis) unterzugehen. Wir schlafen bereits, wenn unser ganzes Leben schon vorprogrammiert ist, wenn wir meinen, dass Gott nur an privilegierten Orten und durch auserwählte Erfahrungen zu finden ist. Wir schlafen bereits, wenn wir jede Erfahrung der Angst, der Verwirrung und der Unsicherheit als Instabilität sehen, aber darin keine Überraschungen und Chancen Gottes für unser Leben mehr erkennen können. Wir brauchen die Geschichten Gottes, damit wir nicht wie Geizkragen oder Bettler leben, nur weil wir im Schlafwandel nicht erkennen können, dass die Fülle des Lebens hinter jeder Ecke lauert.

Näheres zu unserem Profil finden Sie auf www.siebenquell.de


Zu den Veranstaltungen im Jahr 2021

“Tief da drinnen klingt unsere Integrität – ob wir ihr zuhören oder nicht. Es ist ein Ton, den nur wir selbst hören können.
Wenn das Leben uns schließlich dazu bringt, auf diesen Ton zu hören, dann wird es uns den Weg nach Hause weisen.”
~ Rachel Naomi Remen

Während wir in ein neues Jahr gehen, das weiterhin von der Corona-Virus-Pandemie heimgesucht wird, sind wir immer noch erschrocken und ein wenig fassungslos darüber, wie leicht wir uns verirren konnten. Dieses hartnäckig resistente Virus hat uns so viele unserer unumstrittenen Gewissheiten genommen. Aber wenn es uns überrascht hat, wie leicht wir uns verirrt haben, so ist es umso beunruhigender, wie schwer es ist, den Weg zurück nach Hause zu finden. Einfach alles wieder in den vorherigen Zustand zu versetzen, könnte uns dorthin zurückbringen, wo wir einst waren, aber es wird uns nicht nach Hause bringen. Mitten in der Krise ist jener Ton aufgekommen, von dem Rachel Naomi Remen in dem oben erwähnten Zitat spricht, und er wirft Fragen auf, von denen wir uns nicht hätten vorstellen können, dass wir mit ihnen konfrontiertet werden: War unsere frühere Lebensweise jemals wirklich unsere Heimat? Wird die Wiederaufnahme des Konsums ausreichen, um unsere verunsicherten Seelen zu beruhigen? Der heilige Augustinus schreibt: “Die Menschen gehen in die Ferne, um die Höhe der Berge zu bewundern, die gewaltigen Wellen des Meeres, die langen Flussläufe, den riesigen Kompass des Ozeans, die kreisförmigen Bewegungen der Sterne, aber sie gehen an sich selbst vorbei, ohne sich zu wundern.” Jetzt hat die Pandemie uns alle dazu gebracht, über uns selbst und unser Leben nachzudenken.

Vor einigen Jahren hatte ich ein langes Gespräch mit einer jungen Frau, die ein Theologiestudium begonnen hatte. Nach einem Semester hatte sie nicht das gefunden, wonach sie suchte. Als ich sie fragte, was sie überhaupt dazu bewogen hatte Theologie zu studieren, nahm unser Gespräch eine scharfe Wendung. Sie goss den Schmerz ihres Lebens aus, die Fehler, die sie gemacht hatte, den Schmerz, den sie praktisch jedem Menschen, der sie je geliebt hatte, zugefügt hatte, und die erdrückende Entfremdung, die sich daraus ergeben hatte. “Ich bin jeden falschen Weg gegangen, der sich mir angeboten hat. Ich kenne meine Fehler. Meine Frage ist: Wie komme ich von hier wieder nach Hause?”

Ich denke, dass sie nicht die einzige Person ist, die diese Frage stellt. Viele von uns stellen sich diese Frage in unterschiedlichem Maße und aus vielen verschiedenen Gründen: Wie kommen wir von hier wieder nach Hause? Eine Frage, mit der wir uns auch in Siebenquell auseinandersetzen. Da wir noch unsicher sind, wann die Erleichterung vom Virus realistisch und dauerhaft sein wird, veröffentlichen wir zum ersten Mal ein Halbjahresprogramm. Da die Restriktionen die Teilnehmerzahl an unseren Brunnentagen begrenzt haben, bieten wir weiterhin einen zweiten Brunnentag (dienstags) an, um möglichst viele Menschen die Möglichkeit zu geben daran teilzunehmen. So gestalten wir, was gegeben ist.

Wir haben auch einige Änderungen an unserem Programmangebot vorgenommen. Wir werden zum ersten Mal »Begehbar« anbieten, einen Kurs, in dem Menschen eingeladen werden, sich von den biblischen Geschichten bei der Navigation durch ihre eigenen Geschichten helfen zu lassen. Wir hoffen, dass dies vielen Menschen helfen wird, die Antwort auf die Frage zu finden: Wie komme ich von hier wieder nach Hause? Das Angebot »Der Gast sei willkommen« werden wir nicht weiterführen.

Wir bieten also allen unseren Freunden das an, was ich als Antwort auf die Frage der jungen Studentin gegeben habe: “Der Weg nach Hause ist lang, hart und kompliziert. Aber man muss ihn nicht alleine gehen. Wir werden den Weg gemeinsam finden!”