Landraub-Veranstaltung schlägt Bogen zu pallottinischer Gemeinde in Brasilien


Bildungs- und Gästehaus, So 9. Februar 2014

Am 4. Februar 2014 fand im Saal der Pallottikirche eine gut besuchte Veranstaltung zum Thema Landraub mit Dr. Wolfgang Kessler und Siegfried Pater statt. Ausschlag zu diesem Abend gab ein Landkonflikt in der Landgemeinde Vergel im Bundesstaat Maranhão, im Nordosten Brasilien, wo die beiden Pallottiner Sepp und Jakob Wasensteiner eingesetzt sind.

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Zur Veranstaltung:

Landraub hat schon eine jahrhundertelange Tradition. Aber seit etwa zehn Jahren hat sich seine Dimension dramatisch verschärft: Während sich in früheren Situationen Großgrundbesitzer oder Eroberer Ländereien angeeignet haben, erobern nun riesige Finanztrusts, Hedgefonds etc. riesige Areale.
Auf diese Entwicklung wies der Ökonom und Journalist Dr. Wolfgang Kessler während eines Informations- und Diskussionsabends am 4. Februar in der Pallottikirche an Haus Wasserburg in Vallendar hin. Zunehmend habe sich Land als ein wichtiges Investitionsziel herausgebildet, das schnelle und hohe Renditen verspreche. Mit dieser Unterwerfung würden aber soziale und ökologische Katastrophen geschaffen, deren Ausmaß kaum schon in aller Zerstörungskraft eingeschätzt werden könnten.
Welche Konsequenzen es aber heute schon hat, machte der ehemalige Entwicklungshelfer, Publizist und Filmemacher Siegfried Pater deutlich: Menschen werden vertrieben zugunsten des Anbaus etwa von Soja, das aber keineswegs zur Ernährung der einheimischen Bevölkerung dient, sondern als Tierfutter für europäische Märkte Verwendung findet. An all dem seien, das machten beide Referenten deutlich, deutsche Unternehmen und Anleger stark beteiligt, so dass dies eben nicht alleine ein Problem des jeweiligen Landes sei. Wir alle hätten Anteil an dieser Entwicklung; daher müssten wir auch die Verantwortung dafür zu tragen.
Wenn dem so ist, dann stelle sich die Frage, wie dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten sei. In einer anregenden Diskussion zwischen den Referenten und den ca. 75 Teilnehmenden wurden die Hintergründe erhellt, aber auch Handlungsperspektiven gesucht und entwickelt. Insgesamt wurde auch deutlich, dass es angesichts der Übermacht des Finanzkapitalismus eines starken Gegengewichts bedarf. Könnte, so wurde in den Diskussionsbeiträgen deutlich, nicht die Kirche ein solches Gegengewicht sein? Immerhin sei doch eines klar: Wenn die Erde Gott gehört (Ps 24,1), könne sie nicht den Finanzakteuren gehören. Sie könne deutlich machen, dass es ein grundlegendes Recht sei, dass Menschen leben können. Angesichts dieses Rechtes sei jeder Rechtsanspruch auf Land zu relativieren.

Zum Landkonflikt in Vergel/Brasilien:

“In der Gemeinde Vergel schwelt seit Jahren ein blutiger Landkonflikt. 2000 Hektar Land, zum grossen Teil unberührter Urwald, ist seit Jahrzehnten Grund unzähliger Gewalttaten. Als der Besitzer namens Aristides im Jahre 1950 starb, hinterliess er elf Erben, die weiterhin auf ihrem Land lebten und als einfache Bauern von der Produktion des Ackerbaus lebten. Die Probleme begannen, als einige Erben ihren Anteil irregular zu einem Spottpreis, da ohne Dokumente, an Reiche und einflussreiche Politiker verkauften. Diese versuchten seitdem, sich das ganze Land unter den Nagel zu reissen und die rechtmässigen Erben, zum grossen Teil Analphabeten, von ihrem Grund zu vertreiben. Dazu sind ihnen keine Mittel zu schlecht, um ihre schmutzigen Ziele durchzusetzen. Verschieden Male wurden Felder angezündet, die Ernte vernichtet, Häuser abgebrannt, Morddorhungen ausgesprochen usw. Grosse Holzeinschläge wurden bereits gemacht, und Lastwägen transportierten das kostbare Holz ab, wo die neuen “Besitzer” es verkauften. Drei Bauern, die Erben waren, wurden bereits hinterrücks in Vergel erschossen, weil sie sich mutig den Ungerechtigkeiten widersetzten. Zwei davon, Alfredo und Raimundo waren Leiter der Gemeinde. Vier versuchte Morde schlugen fehl, die Attentäter wurden von den Opfern, die nur knapp mit dem Leben davonkamen und heute noch das Blei von den Gewehrkugeln im Körper haben, angeklagt, aber bisher geschah nichts. Die meisten der armen Bauern flohen von Vergel und versuchten, sich woanders eine sicherere Existenz aufzubauen. Nur wenige Familien leben noch in Vergel. Einer der Bauern, namens Antônio Izídio, der noch dort lebt, wird weiterhin des Mordes bedroht. “Du bist das nächste Opfer”, sagen sie. Letzten Monat, im April, kamen vier seiner Ziegen mit abgeschnittenen Ohren nach Hause, ein klares Zeichen, das sein Leben in höchster Gefahr ist. Am 11. Januar 2013, drei Tage vor der programmierten Gottesdienstfeier für die Opfer der Gewalttaten, steckten die Feinde die Kapelle von Vergel in Brand (Bild), die völlig abbrannte. Seit 1984 ist der Prozess des Inventariums auf dem Gericht, um das Land gerecht unter den Erben aufzuteilen. Die Morde geschahen 1996, 2007 und 2010, die versuchten Morde in den Jahren 2007 und folgenden. Die Prozesse gehen nicht voran. Der Mordprozess von Raimundo lag zwei Jahre verstaubt auf der Polizei, der Prozess von Alfredo verschwand und ist bis heute unauffindbar. An Gerechtigkeit glaubt keiner mehr von den Erben. Mächtige kontrollieren Polizei und Justiz.”

Aus einer Email von Sepp Wasensteiner SAC zur aktuellen Situation in Vergel:

“Es tut gut zu wissen, nicht allein zu sein, und dass man auch anderswo um Frieden und Gerechtigkeit gerade auch für hier bei uns kämpft.
Die Situation in Vergel bleibt weiterhin angespannt. Weiterhin schneiden die Feinde den Ziegen und Ferkeln der Familien, die noch dort leben und Widerstand leisten, die Ohren ab. Weiterhin wird diesen Familien die Ernteproduktion gestohlen, die gleich neben dem Haus gelagert ist. Von Freiheit und Gerechtigkeit bisher keine Spur! Die direkte Gerwalt ist zur Zeit nicht so akut, da der Drahtzieher des ganzen, der Landtagsabgeordnete Cesar Pires um seine Wiederwahl im Oktober dieses Jahres besorgt ist, sein gutes Image, das er in der Gesellschaft geniesst, nicht aufs Spiel setzen, oder besser gesagt, nicht verlieren will, und deshalb nicht will, dass sein Name mit diesen Ungerechtigkeiten und Gewalttätigkeiten in Zusammenhang gebracht wird.
Man will die noch in Vergel lebenden Familien zermürben, damit sie schliesslich ihr Land verlassen, so wie es die Mehrzahl der Familien und rechtmässigen Erben schon getan hat. Sie leben in der Stadt, weil sie die Repressalien nicht mehr ausgehalten haben. Sobald die Situation einigermassen stabil wäre, würden sie wieder auf ihr Land zurückkehrewn, aber das ist zur Zeit noch undenkbar.
Verschiedene Prozesse liegen weiterhin auf dem Gericht, es geht langsam voran. Hin und wieder gibt es etwas Neues. Gestern war ich wieder auf dem Gericht, um eine Anwaltsvollmacht für ein erst kürzlich verstorbenes Mitglied eines Prozesses zu bekommen. Es war die Mutter des besagten Antônio Izídio Pereira da Silva, kurz als Leis bekannt, die rechtmässige Erbin ist und ihr ganzes Leben lang nie ihr Erbe-sein praktizieren konnte.
Trotzdem können wir von Erfolgen sprechen, denn wenn wir nichts machten und es keine Gerichtsprozesse gäbe, wären die letzten noch in Vergel lebenden Erben schon vertrieben oder erschossen.
Diesbezüglich war auch die Petition wichtig, um die Öffentlichkeit aufmerksamer zu machen und die dreisten Angreifer ein wenig einzuschüchtern. Immerhin ist der Fall inzwischen weltweit bekannt.
Die oberste Justiz Maranhãos hat beschloissen, dass alle Gerichtsfälle letzten Jahres bis März dieses Jahres entschieden sien müssen/sollen. Ein guter Vorsatz, ist natürlich Irrsinn und unmöglich. Der Erbfall Vergel ist seit 1984 auf dem Gericht, und das Gericht war bis heute nicht fähig, den Fall zu entscheiden. Aber gut, schauen wir, was sich tut. Wir werden auf jeden Fall nicht aufgeben, heben einen guten Anwalt, und werden die Rewchte der Armen vor Gericht verteidigen, koste es, was es wolle.
Soweit das Neueste von Vergel.”


Tags: Entwicklungspolitik


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